Eine Straße des Friedens und der Freude (1953/1958)

Die Ortsverbindungsstraße Michelau - Schwürbitz

"Eine Straße für den Berufsverkehr schreit um Hilfe
Was ein Radfahrer zu einem Punkt der letzten Kreistagssitzung meint

Hier – einen schönen Gruß und ein Bild von mir! Sie er-kennen mich natürlich auf den ersten Blick: denn ich bin „kreisbekannt“. Oder sollte es wirklich  noch nötig sein, mich vorzustellen? Nun denn: ich bin die Straße Schwürbitz – Michelau, der Verbindungsweg zweier Ortschaften, die zu den größten des Kreises zählen.

Gewiss ich bin alt, und im Alter wird man gebrechlich. Generationen habe ich über mich wegschreiten sehen, aber noch niemals hat man mich so verwahrlosen lassen wie heute. Immer habe ich schon – ach, wie lange schon! – so gut ich nur konnte, zu verstehen gegeben: setzt mich nicht ständig dem Hochwasser aus, lasst mir in der Altung nicht immer wieder nasse Füße holen! Sowas macht krank und vorzeitig kaputt. Legt mich höher! Sagte ich immer wieder. Aber man hat mich nicht gehört! Ich verstehe, dass man in früheren Zeiten meine Mahnungen nicht für so wichtig hielt. Damals war die Welt noch ruhiger. Damals waren es im Höchstfall Bauernfuhrwerke, die gemächlich über mich hinwegrumpelten, und solche Lasten machen einer guten, braven Straße wenig aus. Und ihr selbst hattet damals viel mehr Zeit als heute. Wenn ich da ab und zu mal unter Wasser stand, was kümmerte es euch? Dann habt ihr einfach geduldig gewartet, bis ich wieder trocken wurde und machtet eure geschäftlichen Besorgungen eben ein paar Tage später.
Was aber in den letzten Jahren, in denen die Welt närrisch geworden ist, sich alles auf mir abspielt, ist nicht zu schildern. DA rasen unablässig die Motorräder vorüber (jeder Zweite scheint heute ein solches Vehikel zu besitzen!) da brausen unablässig die Autos über mich hinweg (und welch schwere Brüder sind es meist!) und schinden mich, wie ich noch nie zuvor geschunden wurde. Was nützt es, wenn man da hin und wieder die Wunden, die man mir täglich schlägt, mit ein wenig Kies und Sand zu heilen sucht? Kaum ist ein Loch verkleistert, schon saust ein Lastwagen darüber weg – und das bisschen Kitt mitsamt dem Geld, das ihr dafür bezahlt habt, zerstiebt gleich wieder nach rechts und links in alle Winde! Nein, so gut das auch gemeint sein mag, solche Hilfe ist lächerlich. Wenn ihr euch nicht endlich einmal aufrafft, mich gründlich zu kurieren, werdet ihr bald ein einziges Kraterfeld aus mir gemacht haben, auf dem es nur noch Hals- und Bein und Achsenbrüche geben wird! So sehr ich mich selbst bedaure – noch mehr dauern mich die armen Radfahrer täglich auf meinem Rücken zur Arbeit fahren müssen. Wenn man alt und gebrechlich ist, wird man nachdenklich und besinnlich. So habe ich mir letzthin einmal die Zeit genommen, zu zählen, wie viel Fahrräder Tag für Tag bei mir verkehren. Nur die Dauerkunden zählte ich: die Arbeiter, Angestellten, Lehrlinge und Schüler. Und es waren Hunderte! Wie mühen sich die Ärmsten ab, in kunstvollen Kurven um meine Schlaglöcher, die bei Regenwetter unter Wasser stehen, herumzukommen. Aber bei aller Kunstfertigkeit gelingt es ihnen nicht. Denn ich bin wie ein Sieb: wem es glückt, 99 Pfützen zu umgehen, der schlittert rettungs- und erbarmungslos in die hundertste, besudelt sich Hosen und Stiefel und bringt nasse Füße mit zum Arbeitsplatz. Und freut er sich vielleicht im Stillen mit nassen Füssen davongekommen zu sein, so überholt ihn gleich danach ein Auto und bespritzt ihn bis zum Mützenrand hinauf mit brauner Brühe: wie ein begossener Pudel trifft er schließlich an der Arbeitsstätte ein. Ich bin alt und an vieles gewöhnt. Aber habe ich all diese Verwünschungen verdient, die täglich auf mich niederprasseln? Denn was das Schlimmste ist, sie sind berechtigt. Könnte ich sprechen, ich würde selbst mit einstimmen in die Klagen. Schreien würde ich, bis alle mich hörten und meinen jammervollen und bejammernswerten Zustand erkennen müssten. Dieser Tage belauschte ich ein Gespräch: Zwei Arbeiter fuhren des Nachts im Schein ihrer zittrigen Fahrradlampen todmüde von der Arbeit heim. Ich musste gut aufpassen, sie zu verstehen. Denn das Wasser quirlte laut und störend, wenn sie durch die Lachen fuhren. „Naja“, sagte der eine, „dem Fischer sein Auftrag war ganz gut und recht im Kreistag und auch der Landrat hat ganz schön gesprochen: aber der Weberpals war dagegen!“ „Dagegen? Warum“ fragte der andere müde „Der Weberpals sagt“, erklärte der erste „da muss erst die Gemeinde ihr gut Teil tun sonst kann ihr der Kreis nicht helfen. Na ja und damit wird wohl alles wieder beim alten bleiben. Denn wenn die Gemeinde nichts tun kann, weil sie beim besten Willen kein Geld dazu hat, und der Kreis nichts tun mag, obwohl er jetzt Geld dazu hätte, dann fahren wir weiter wie bisher durch Sumpf und Sand. Die Lackierten sind eben immer wir Arbeiter. Ist´s nicht so?“ „Verdammter Dreck!“ hört ich den andern, der gerade in eine fußtiefe Pfütze fuhr, soeben noch rufen. Dann ließ der grelle Scheinwerfer eines Personenwagens sein Licht über die beiden und über die tausend Lachen tanzen und Motorengeräusche unterbrach das Gespräch.
Schon tausend Gespräche, die man über mich führte wurden vorzeitig unterbrochen. Schon tausend Ansätze zu einer wirklichen Hilfe sind immer wieder im Sand verlaufen, buchstäblich im Sand, während mir eine feste und massive Schotterdecke weit dienlicher wäre. Aber die heutigen Menschen sind drollig. Da lassen sie die schweren Laster auf mich verkehren und sagen: „Warum auch nicht. Schließlich ist das doch kein Feldweg, sondern eine Straße, nicht wahr?“ Sobald es aber um die Reparaturfrage geht, erklären sie: „Darf man Geld ausgeben? Wieso? Das ist doch rein ein Privatweg, der nur dem Berufsverkehr und den Feldangrenzern dient. Was geht das  uns an?“ Man möchte lachen, wenn einem das Lachen nicht längst vergangen wäre. Ich wünsche nur allen, die über mich verhandeln, bestimmen und zu entscheiden haben, dass sie jetzt im Herbst, Tag für Tag von Lettenreuth, Marktzeuln und Schwürbitz auf dem Stahlross hinunter nach Michelau oder Lichtenfels zur Arbeit fahren müssten. Sie würden mich bestimmt nicht länger mehr in meinem Elend liegen lassen … "

H.S.
erschienen am 29.10.1953

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„Möge es eine Straße des Friedens und der Freude sein!“
Die neue Ortsverbindungsstrasse Michelau-Schwürbitz frei für den Verkehr

 

Es warn zwei große Gemeinden,
die lagen einander so nah.
Sie konnten zusammen nicht kommen:
Es war keine Straße da!

 

Ein Vers. Aber – es war einmal! Nun ist eine Straße da. Eine schöne, eine elegante, eine wirklich  neuzeitliche Straße!
So ehrlich und aufrichtig sie damals war, diese Straße – damals als sie, vom Verkehr zerschunden, vom Hochwasser zernagt, erbarmungswürdig dalag – immer wieder zu betonen, wie leid es ihr tue, dass man so viele viele Silberstücke in ihre Wunden stopfen müsse, so ehrlich und aufrichtig ist sie nun, zu bekennen, dass sie es selbst nicht für möglich hielt, so rasch und so gründlich mit noch viel, viel mehr Silberstücken auf so erstaunlicher Weise ausgebaut zu werden.

Aber – nun ist sie da. Eine schöne, eine elegante (weiße Betonpfähle mit Katzenaugen begrenzen sie auf ganzer Länge und ein stabiles schmuckes Geländer entlang der Altung macht sie absolut verkehrssicher) – eine wirklich neuzeitliche Straße!

„Das seit Generationen erstrebte Ziel der Gemeinde mIchelau und Schwürbitz, die beiden Gemeinden verbindenden Straße hochwasserfrei zu legen und zeitgemäß auszubauen, ist erreicht. Die Bauarbeiten, mit denen im Herbst vergangenen Jahres begonnen werden konnte, sind vollendet. Ein Bauwerk, das sich besonders segensreich für die werktätige Bevölkerung von Schwürbitz und seinem Hinterland auswirkt und sich in seiner schön geschwungenen Form harmonisch in das Landschaftsbild einfügt, kann nun für den Verkehr freigegeben werden.“ Mit dieser berechtigt stolzen Festestellung, die in prägnanter Weise das uralte Problem dieser Ortsverbindungsstraße durchleuchtet, hatten die Gemeinden Michelau und Schwürbitz Einladung zur offiziellen Freigabe ergehen lassen. das war auch der Inhalt der Eröffnungsansprache von Bürgermeister Nemmert, Michelau, der die begrüßenden Worte an alle richtete, die sich am Samstagnachmittag an der Biberbachbrücke eingefunden hatten. Sein besonderer Groß galt dem stellvertretenden Landrat FR. Eberth, Bundestagsabgeordneten Hauffe, Bauingenieur Püls vom Wasser- und Flußbauamt Kronach, Senator Bürgermeister Partheymüller, Kreisbaumeister Ruff und er Firma och mit der gesamten Gefolgschaft, an ihrer Spitze Michael Och.

Der Kampf zur Erreichung des Zieles, so betonte Bürgermeister Nemmert, sei nicht leicht gewesen. Und noch manche Schwierigkeiten gelte es zu überwinden. Doch werde auch hier ein Weg gefunden werden, besonders was den Anschluss an die Michelauer Bahnhofstrasse betreffe, der der Schönheit dieser neuen Straße entsprechen sollte. Ein seit Generationen währender Kampf, wie er besonders von den Schwürbitzern geführt wurde, sein an jenem 16. April. 1955 in sein entscheidendes Stadium getreten, als die Gemeinderäte von Schwürbitz und Michelau in Schwürbitz zusammen mit dem damaligen Kreisrat Karl Fischer eifrig diskutierten und berieten, wie zu einem Ziel zu kommen sei. Im August des gleichen Jahres habe eine erneute Zusammenkunft diesmal in der Turnhalle Michelau, stattgefunden. 1956, nach langem Kampf, sei eine größere Summe von der Regierung zugesagt worden, aber erst 1957 die Restfinanzierung gelungen, so dass mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Hier gelte es den Männern zu danken, die den Kampf unterstützten, besonders Bundestagsabgeordneten Hauffe und Senator Partheymüller-Marktzeuln. Und so wie dem Planer der Straße, Bauing. Püls-Kronach, Dank gebühre, gebühre vor allem der Firma Och und deren Arbeiterschaft, die bei Wind und Wetter ihren Mann gestanden und ein Werk geschaffen haben.

erscheinen am 01.08.1958

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