Die Korbmacherei
Korb ist hierzulande ein vertrautes Wort. Seltsamerweise wird es in den meisten Nachschlagewerken älterer und jüngster Zeit kaum erwähnt. Selbst im Brockhaus-Conversations-Lexikon des Jahres 1830, jenes Jahres, in dem die Korbmacherei mächtig erblühte, findet sich kein Hinweis. Das mag daraus erklärlich sein, daß jener Korb, der sich sogar den Weltmarkt eroberte, fast ausschließlich ein Erzeugnis unserer engeren Heimat, also eines kleinen, sehr begrenzten Gebietes war. Denn es steht zweifels außer Zweifel: nirgendwo in der Welt wurden Korbwaren jemals in der gleichen Menge, Mannigfalitgkeit, Qualität und auch vielfach künstlerischen Höhe hergestellt wie in unserem Raum. Nach dieser Feststellung, mag es recht widersprüchlich erscheinen, wenn wir erfahren, daß sich im Jahre 1877 "mehrere unter thänigst gehorsamst unterfertigte Korbmacher" im Namen sämtlicher in Schwürbitz ansässigen Korbmacher an eine Hohe Königliche Regierung wandten und wegen Steuererhöhung klagten. Sie führten an, daß unter den 156 Häusern der Ortschaft sich kaum 30 befänden, in denen nicht die Korbmacherei betrieben werde. Diese aber werde mit Umlagen so sehr belästigt, daß der Korbmacher kaum mehr imstande sei, seinen Verpflichtungen nachzukommen: und zwar umso weniger, als es um die Korbmacherei derart schlecht stehe, daß Zweidrittel der Heimarbeiter der Ortschaft ganz ohne Arbeit seien, während die restlichen nur wenige Aufträge hätte. Diese Beschwerdeschrift gibt uns zunächst eine Bestätigung dafür, daß es mit der Zahl 156, von der wir jüngst auf die Einwohnerzahl schlossen, seine Richtigkeit hat. Umwerfend aber ist dies: im Jahre 1832, als ein Gemeindebesitzverzeichnis angefertigt wurde, bildete die Haupteinnahmequelle der Gemeinde nachweislich die Flößerei. Vor 80 Jahren spendete dieses wohl winzige Stübchen auf jeden Fall genug Platz für zwei Schemel. Und mochten die Hände der Korbmacher noch so alt gewesen sein, solang man die nötige Gelenkigkeit besaß, waren sie von früh bis spät, oft bis in die tiefe Nacht am Werk. War die Woche um, wurde geliefert, der Stubenboden weiß gescheuert und mit Silbersand bestreut. Danach wurde gefeiert - oft drei volle Tage. Nunmehr, knapp ein halbes Jahrhundert später, wird als Haupterwerbszweig der Einwohnerschaft die Korbmacherei genannt. Ein kaum glaubhaft rascher Wandel, der sich da in nur wenigen Jahrzehnten vollzogen hatte! Allerdings ganz im Zwang und Zug der Zeit.
Denn in dem gleichen Maß, in dem infolge des zunehmenden Eisenbahnverkehrs die Flößerei zurückging, nahm die Hinwendung der frei werdenden Arbeitskräfte zum Korbmachergewerbe zu. Nun freilich, ist das leicht gesagt. Wie aber erklärt sich die enorme Aufnahmefähigkeit dieses Korbmachergewerbes? Hier müssen wir rund 200 Jahre zurückblenden. Bis dahin hatte man fast ausschließlich grüne Weiden verarbeitet, ganz so wie sie am Ufer des Mains oder im "Weidenwäh" heranwuchsen. Solch ein Weidenwerd, das heißt ein Ufergrundstück mit Weidenkultur, wird sowohl in Lichtenfels wie in Michelau, Schwürbitz und Küps sogar schon 16. Jahrhundert urkundlich genannt. Jetzt aber, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ging man dazu über, die Weiden zu schälen, um dadurch gefälligeres und attraktiveres Flechtwerk zu erzielen. Und gerade diese Absicht brachte einen findigen Korbmachergesellen auf die originelle Idee, die Weide nicht nur zu schälen, sondern, um sie ergiebiger und gefügiger zu machen, auch noch zu spalten. Aus diesen gespaltenen Weiden aber, den Weidenschwarten oder Weidenschienen, wie sie genannt wurden, flocht er ein derart hübsches Kröbchen mit Fuß und Henkel, daß es ihm den Meisterbrief einbrachte. Dennoch, ganz zufrieden war er mit seinem Meisterstück nicht. Denn mühsam hatte er den Kern der aufgespaltenen Weiden mit dem Schnitzer entfernen müssen. Und er sinnierte und probierte und konstruierte schließlich einen Hobel, der die Weide mit einem einzigen zeig- und mühesparenden Vorgang vom Kern befreite. Der neugebackene Michelauer Korbmacher Johannes Puppert hatte damit die Voraussetzung für eine neue Ära der Korbflechterei geschaffen, für die Feinkorbflechterei. Das war 1773/74. Von da ab ging es Schlag auf Schlag. Es bildete sich eine Meister- und Gesellenordnung aus und im
Jahre 1795 eine Korbmacherzunft mit Meistern aus Michelau, Lichtenfels, Schney, Schwürbitz, Marktzeuln, Lettenreuth, Neuensee, Marktgraitz, Burgkunstadt. Und einige dieser Korbmachermeister, wiederum in erster Linie Michelauer, die zugleich weitblickende Kaufleute waren, machten sich daran, nicht nur im Inland, sondern sogar in Übersee Absatzgebiete zu erschließen, dabei nach anderen Rohstoffen Ausschau zu halten und immer neue Muster und Formen zu entwerfen und entwickeln. Erst durch diese Männer, erst durch den Korbhändler, der das Material besorgte, der seinen genauen Auftrag erteilte und schließlich die nach seinen Anweisungen angefertigte Ware bar bezahlte, konnte die Korbmacherei festen Boden gewinnen. Schon ab 1825 durfte gemäß einer Regierungsverordnung die Flechtarbeit als freie Erwerbsart ohne Prüfung ausgeübt werden. Damit freilich war die Korbmacherzunft bereits überrollt. sie löste sich 1845, nach genau fünfzigjährigem Bestehen, wieder auf. Ein ungeahnter, geradezu stürmischer Aufschwung der Korbwarenindustrie setzte nunmehr ein. Die Anfertigung von Korbwaren in Heimarbeit wurde zum Rettungsring für die mehr und mehr arbeitslos werdenden Flößer nicht minder wie für die kleinen Landwirte, deren geringer, aus kargem Besitz gewonnener Ertrag kaum mehr zu einem Leben mit inzwischen höheren Ansprüchen reichte. Nach einem Bericht der Handelskammer Bayreuth betrug der Korbwarenumsatz im Raum Lichtenfels-Coburg-Kronach 1877 volle Drei Millionen Goldmark. Wie reimt es sich da zusammen, daß in eben diesem Jahre 1877 in dem die Korbmacherei offensichtlich ihre größte Blütezeit erlebte, sich ein Nöte der Schwürbitzer Korbmacher erhob? Die Erklärung ist naheliegend. Das, was die Korbmacherzunft hatte bezwecken wollen, nämlich eine unerwünschte Ausweitung und Ausbreitung ihres Gewerbes, war nach dem Wegfall aller Schranken ganz naturnotwendig eingetreten. Der Sturm auf die Weide war zu plötzlich und zu groß gewesen, als daß- sozusagen über Nacht - alles in völlig geregelten und geebneten Bahnen hätte verlaufen können. Schließlich war nicht jeder, der hier frohgemut an die Geräte ging, gleich ein von Himmel gefallener Meister seines neuerwählten Faches. Für viele bedeutete das Flechten zunächst lediglich notgedrungene Erwerbsquelle. Für den Korbhändler aber, der auf dem Markt bestehen wollte, war Qualität entscheidend. Ein Ausleseprozess und damit eine vorübergehende Krise blieb unvermeidlich. Es war die erste, aber längst nicht die letzte Krise, die die alten Schwürbitzer und viele Korbmacher ringsum durchzustehen hatten. Im Grunde nämlich war es ein unstetes Gewerbe, das Korbmachergewerbe. So schwankend die Floße auch sein mochten, die auf dem Main flußabwärts trieben, so sicher war jahrhundertelang die Existenzmöglichkeit aller am Floßhandwerk Beteiligten. Übrigens aber haben wir für die Tatsache, daß es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Schwürbitz durchaus nicht schlecht um die Korbmacherei bestellt sein konnte einen untrüglichen Beweis. Aus dieser Zeit sind uns allein vier Männer bekannt, die der Ortschaft ihre Dienste empfahlen und zwar Erhard Vogel als Weidenhändler (1870), Heinrich Schmidt als Korbhändler (1844), Johann Fugmann als Korbhändler (1886), Johann Weber als Korbmaterialienhändler mit eigener Färberei (1893). Das letztgenannte Unternehmen behauptete sich bis in diese Tage. Die jüngste, nach dem Wirrwarr zweier Weltkriege entstandene Situation in Schwürbitz schildert uns Hans Pohl, selbst Korbfachmann, der vor einiger Zeit im Lichtenfelser Tagblatt schrieb: "Mit dem aufstieg der Wirtschaft nach 1948 und mit der erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften wanderten aus dem Korbmachergewerbe immer mehr Personen ab, die sich hauptsächlich aus Jugendlichen zusammensetzten, um in den Fabriken in weniger Arbeitszeit höhere Löhne zu verdienen: nicht zuletzt auch, um in den Genuß der sonstigen Vergünstigungen, die den Betriebsarbeitern heute geboten sind, zu gelangen. Durch diese Abwanderungen und den zur Zeit guten Geschäftsgang sind somit die noch wenigen Korbmacherheimarbeiter gut mit Aufträgen versehen und fast das ganze Jahr über in Arbeit.
Quelle: Heinrich Schrepfer
