Die Deutung eines Schwürbitzer Marterls
Quelle: Heimatforscher Heinrich Schrepfer

Wer von Schwürbitz nach Marktzeuln wandert, nicht die Straße, sondern den Wiesenweg benutzt, den grüßt, wenn er den Bjetlesbouch überquert und die Hohlgasse durchschritten hat, rechter Hand ein "Mettela" (Marterl),
das seit vielen Jahrzehnten den Wettern und Winden ungebrochen und unbeschädigt trotzt. Kaum aber hört man heutzutage noch davon reden, welche Bewandtnis es mit diesem Marterl habe. Nur aus frühen Jahren ist mir
eine Erzählung hierüber in Erinnerung, die Aufschluß zu geben vermag. Sie stammt von einem kleinen, bärtigen Männlein, der häufig am Bjetlesbouch und "Bau" (einer Ausbuchtung des Mains, der unweit des Marterls
vorüberfließt) spazieren zu gehen pflegte; der alte Wölfla.
Einmal fragte ich den alten Herrn auf einem seiner Spaziergänge, was es eigentlich mit diesem Marterl auf sich habe und ob er Näheres darüber wisse. nach anfänglichem Zögern gab er eine Erklärung ab, die keineswegs
aus der Luft gegriffen scheint. Er sagte nämlich, hier sei vor vielen Jahren auf seltsame Weise ein kleiner Junge ums Leben gekommen. Der Knabe sei an einem Winterabend nach Marktzeuln gegangen, um für seine
todkranke Mutter eine dringende Arznei zu holen. Auf dem Rückweg müsse er beim Eintritt in die Hohlgasse einen ungewöhnlichen Schreck erlebt haben. Denn anders sei der Tod des Jungen, den man noch in selbiger Nacht ohne sichtbare Verletzung leblos dort aufgefunden habe, nicht zu deuten gewesen.
Mag nun diese Erklärung des alten Wölfla - er hat inzwischen längst sein Wissen um das Marterl mit ins Grab genommen - der geschichtlichen Forschung standhalten oder nicht: das Merkwürdige daran war, daß er in
diesem Zusammenhang auch einige Verse zitierte, über deren Herkunft er zwar keine Angaben zu machen vermochte, die aber dennoch aufhorchen ließen. Es waren freilich nur Bruchstücke, aber selbst als Bruchstücke
ließen sie, wenn auch nicht gerade Goethesche Sprachgewalt, so doch immerhin Goethesches Versmaß erkennen. Sie erinnerten zweifelsohne an den "Erlkönig".
Ich schrieb die Verse, die der alte Herr damals seinem Gedächtnis noch abzuringen vermochte, interessiert nieder. Leider waren es herzlich wenige und auch die wenigen, wie gesagt, meist lückenhaft. Dennoch vermittelten
sie einen Eindruck dieses Gedichtes, das ursprünglich zugrunde gelegen haben mußte, und ich versuchte, aus den einzelnen Teilen wieder ein sinnvolles Ganzes zu bilden, ein Versuch, der im Folgenden angefügt sei.
Schon breitet sich Dämmerung über das Feld.
Tiefschwarz der Himmel, kein Stern am Gezelt.
Wie eilt da der Knabe! Sein Atem ist heiß.
Ganz feucht ist sein Köpfchen von Nebel und Schweiß.
Doch fest hält die Rechte sein Gläschen umfasst:
Arznei für die Mutter! ... Er steigert die Hast.
Jetzt ist er am Hohlweg. Ach wär er vorbei!
Er stockt. Seinen Lippen entrinnt ein Schrei:
"Der Alte vom Main!" ... starr steht er vor Schreck.
Er möchte entfliehen und kommt nicht vom Fleck.
Da faßt ihn der Alte behutsam am Arm:
"Was bist du, mein Sohn, so erhitzt und so warm!
Du zitterst?" - "Mich ängstigt Dein blitzender Blick.
O laß mich, ich bitte, zur Mutter zurück!"
"Zur Mutter? Just starb sie! Du kannst nicht zu ihr,
Es sei denn bliebest für immer bei mir."
"Ich mag nicht!" - "Ich habe ein herrliches Reich."
"Ich will nicht!" - "Betrachte erst, was ich Dir zeig!"
... Es öffnet am Wege sich Fels und Gestein.
Der Knabe blickt tief in die Erde hinein.
Da sieht er - sein Aug ist entzückt und gebannt,
Das Gläschen entsinkt, der erstarrenden Hand -
Er sieht (kein Lebendiger hat je es erlebt):
Was tief in der Erde Schacht wirket und webt;
Des Lebens Geheimnis, des Todes Gestalt,
Der zeugenden Kräfte Gesetz und Gewalt!
Was nie noch dem grübelnden Geiste ward kund:
Ein Kind darf hier schauen des Weltwesens Grund!
Der Knabe verweilet noch immer am Ort.
Er will sich nicht trennen und wünscht sich nicht fort.
Still liegt er und möchte nur schauen und sehn.
Er hört nicht der Dorfglocke Wimmern und Flehn...
Da sie, seine Mutter umschwebet ihn licht:
"Mein Junge, - Liebling kennst du mich nicht?"
" D u, Mutter?" Er jauchzt es in jubelnden Glück.
... Nie kehrte er wieder zur Erde zurück..
